Er sieht andres als Andre...
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Alle meine Rezensionen ansehen Rezension bezieht sich auf: Gedichte in einem Band (Gebundene Ausgabe) Diese Morgenstern-Ausgabe (Herausgeber: Reinhardt Habel) ist eine Fundgrube, denn sie enthält erstens nicht nur Morgensterns berühmtesten Gedichte, also nicht nur die Weltkulturerbe-tauglichen Galgenlieder sowie Palmström, den Gingganz und die Kinderlieder (z.B. den "Marabu"), sondern auch unbekannte, ernsthaftere Gedichte. Vor allem die eleganten "Stufen" sind eine Entdeckung wert, aber auch die Grotesken und die gekonnten Parodien auf Literaturklassiker, deren Denkmälern wir uns sonst nur demütig nähern dürfen. Zweitens lohnt sich auch die Morgenstern-Biographie im Anhang unbedingt zu lesen, und zwar für alle, die mehr wissen wollen als das Übliche, ohne deswegen gleich eine umfangreiche Biographie studieren zu müssen. Und drittens ist der Band ganz einfach ein Leckerli für Bibliophile und solche, die es werden wollen: Fadenbindung, Dünnpapier, in Leinen gebunden, handliches Format... Kein Firlefanz, sondern richtig Edles.
Kein Firlefanz, sondern richtig Edles -- das gilt erstrecht für den Inhalt.

Nicht nur über die Galgenlieder muss man noch viel sagen -- wenige Dichter haben noch virtuoser mit der deutschen Sprache gespielt. Das gilt ebenso für den Gingganz und den Herrn Palmström. Doch auch für Morgensterns andere Gedichte gilt der berühmte Satz aus seiner Einleitung zu den Galgenliedern: "Man sieht vom Galgenberg die Welt anders an, und man sieht andre Dinge als Andre." Man gewinnt nämlich beim Lesen auch seiner anderen Gedichte immer mehr den Eindruck, dass Morgenstern seinen Galgenberg nie verlassen hat. Er sieht nunmal andres als andre...
Dieses Anders-Sehen zieht sich durch Morgensterns gesamtes Schaffen -- und besonders hinweisen möchte ich auf einige unbekannte Juwelen dieser Ausgabe: Da wären z.B. bei den Grotesken und Parodien herrliche Horaz-Parodien, in denen Morgenstern die Jagdleidenschaft seiner Zeitgenossen aufs Korn nimmt, und natürlich beherrscht er auch die Form und jongliert mit den verschiedenen Odenstrophen, dass einem beim Lesen schwindlig wird. Ganz nebenbei nimmt er dabei auch noch Übersetzermarotten ins Visier: "und so zog er denn, traun! fort nach -- Utopia." Dieses leidige "traun!" wurde wohl nie geistreicher dem Spott preisgegeben -- und die verklärende Sicht seiner Zeitgenossen auf die Antike samt der eingebildeten Kulturträgerschaft werden gleich mit erledigt.

Ein Meisterstück ganz anderer Art sind die Gedichte in "Zeit und Ewigkeit" -- hier lernt man einen unbekannten, nicht minder sprachmächtigen Morgenstern kennen, etwa im zwischen lässig und wild oszillierenden Naturgedicht "Abend im Gebirge". Ganz anders, aber genauso beeindruckend sind die "Fiesolaner Ritornelle" mit ihren fast schon hingehauchten Stimmungsbildern aus der Toscana. Nicht nur Morgensterns virtuoser Umgang mit der ganz besonderen Lyrikform beeindruckt hier.
Freilich hatte auch Christian Morgenstern gelegentlich weniger geniale Momente, in denen er besser etwas anderes getan hätte als ein Gedicht zu schreiben, und nicht alle seiner späteren Gedichte haben die Klasse seiner "Galgenlieder" -- aber das kann man schließlich jedem Autor vorwerfen. (Sollte zufällig ein Lyriker dies gelesen haben: Sie sind selbstverständlich ausgenommen von dieser obendrein subjektiven Feststellung!)

Wer außer den -- zu Recht! -- berühmtesten Gedichten Christian Morgensterns auch dessen anderen Gedichte lesen möchte (nochmal: Es lohnt sich!), und zwar in einer richtig schönen, bibliophilen Ausgabe, für den ist diese Ausgabe hervorragend geeignet. Und für andere lohnt sie sich auch. Ihres Inhalts wegen...
Eine Rezension von Ein Kunde
vom 22. März 2012
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