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| Kreis ohne Meister: Stefan Georges Nachleben. Eine abgründige Geschichte
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Tiefgründig zerrüttete Apostelgeschichte
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Alle meine Rezensionen ansehen (TOP 500 REZENSENT) (HALL OF FAME REZENSENT) (REAL NAME) Rezension bezieht sich auf: Kreis ohne Meister: Stefan Georges Nachleben. Eine abgründige Geschichte (Gebundene Ausgabe) Davon können heute nur viele träumen, ein Dichter der einen eigenen Staat gründet, zumindest einen eigenen Hofstatt. Die Rede ist von Stefan George jenes deutsche Dichtergenie und insbesondere seine Jünger rankt sich das Buch "Kreis ohne Meister".
Der Autor Ulrich Raulff war Feuilletonchef der FAZ, leitender Redakteur bei der Süddeutschen Zeitung, seit 2004 ist er Direktor des Deutschen Literaturarchivs in Marbach. Sein Buch zu unserem Thema heißt "Kreis ohne Meister" Stefan Georges Nachleben.
In den letzten Jahren hat es über Stefan George in der Darstellung zwei gegensätzliche Publikationen gegeben, zum einen die von Robert Norton, von der heute niemand mehr spricht und die von Thomas Karlauf dessen Biographie "Die Entdeckung des Charisma" alles übertrifft was in den letzten Jahren an literarischen Biographien geschrieben worden ist (s.meine Rezension).
Raulff greift die Bemerkung "Auch Totsein ist eine Kunst" des einstigen, neben Graf Schenk zu Stauffenberg engsten George Jüngers Max Kommerell auf und entwickelt eine abgründige Ideengeschichte, in der der Meister dann leibhaftig nicht mehr auftritt. Die "kaputte Apostelgeschichte" setzt ein, als das Herz von George im Dezember 1933 zu schlagen aufhört. Raulff hat intensiv recherchiert und erzählt eine spannende und zum Teil exzentrische Nachlebensgeschichte, eine fesselnd nachgezeichnete posthume Wirkungsgeschichte, deren Erzählstränge in den Nationalsozialismus, den Widerstand, die Gründungszeit der Bundesrepublik und ins amerikanische Exil führen.
Diese interpretierte Nachgeschichte über die Visionen und Wirkungen Georges, in der sowohl getreue als auch ungetreue illustere Jünger, Allianzen, Feindschaften und Zerwürfnisse in recht unterhaltsamem Stil behandelt werden, entspricht in einer höchsten akademischen Ansprüchen genügenden Darstellung, einer posthumen Biographie Georges. Damit macht der Autor deutlich, dass der "George-Kreis" nicht nur ein esoterischer "Kostümverein" war, sondern ein polarisierendes Zentrum für die deutsche Geschichte mit schicksalhafter Vorsehung.
Vielleicht gibt es so etwas wie eine Stefan George Renaissance, denn in einer Ideengeschichte Deutschlands im 20. Jahrhundert kann man ohne ihn eigentlich nicht auskommen, wozu insbesondere dieses interessante Kreisphänomen beiträgt, nicht allein das Werk und die Gedichte von George, sondern die Bilder die das grauhaarige Dichtergenie im Kreis seiner Jünglinge zeigt. Da gab es diesen Dichter mit einer beträchtlichen Ausstrahlung, eine charismatische Figur, der in der Lage war einen ganzen fabelhaften Kreis von Intellektuellen, Schriftstellern und Wissenschaftlern um sich zu scharen und an sich zu bannen, die auch nach seinem Tod noch lange in seinem Geiste irgendwie weiterwirkten. Was konnte so eine Magie entwickeln, dass reihenweise intellektuelle junge Männer, die auch noch nicht einmal schwul waren, sich in George verliebten? Das ist für Professor Raulff ein faszinierendes Phänomen, wobei er auch betont, dass George natürlich die deutsche Geistesgeschichte durch Jahrzehnte hindurch, fast bis in unsere Tage bestimmt. Diese Tatsache steht im Moment im Zentrum des Interesses, natürlich auch ein paar erotische Charakteristika. Das macht ihn so wahnsinnig interessant für unsere Zeit die eigentlich wenig empfänglich ist für solche Ausstrahlungsphänomene, wenn auch seine Dichtung bis zur möglichen "Auferstehung" noch ein bisschen warten muss.
Es war ein Phänomen der damaligen Zeit, denn es hat ja nicht nur diesen einen bedeutenden Charismatiker gegeben, sondern eine ganze Fülle und eine Reihe von solchen Kreisen, die in historischer und geschichtsphilosophischer Erwartung miteinander verknüpft waren. Man muss fragen was fehlt der Zeit und was sucht sie in diesen Leuten? Es war eine entgötterte, eine entzauberte Welt und da plötzlich tauchen Leute auf, die sehr stark etwas Dämonisches haben, von denen ein Zauber ausgeht und entsprechend hoch ist die Akzeptanz und die Bereitschaft ihnen auch nach dem Tod Gefolgschaft oder Dienste zu leisten.
Wenn man das Buch aufmerksam liest, stellt man fest, dass dieser Georgekreis, dessen Schleier des Rätselhaften und Nebulösen auch mit diesem Buch nur ansatzweise und nicht definitiv genommen wurde, nicht so homogen war, wie das auf den ersten Blick klingen mag. Darin ist auch die Erklärung dafür zu suchen, dass das Verhältnis des eigentlich politisch nicht interessierten George zum Nationalsozialismus in der Auslegung nach 45 sehr ambivalent behandelt wurde. Wenn man sich den Kreis mit Fokus auf das Dritte Reich ansieht, dann erscheint er doch in der Zusammensetzung sehr heterogen, denn es waren Juden darin, die in die Emigration gezwungen wurden, es gab Mitglieder die zwar keine grandiosen, aber doch veritable Nazikarrieren machten und es gab in Berthold Graf Schenk zu Stauffenberg das berühmteste Mitglied, Georges Nacherben und Hitler Attentäter.
Wo stand George im Hinblick auf 1933 bis 1945? Er selbst lebte nach der Machtergreifung durch die Nazis nur noch 10 Monate. Er hat viele Attraktionskräfte benötigt, um die junge Männerschar nach 1930 zu bändigen. Er selbst hatte sehr viele jüdische Freunde, die nach 1930 schon sehr stark marginalisiert waren. Sein letzter Kreis, die Jungen der späten zwanziger und frühen dreißiger Jahre waren die Stauffenbergs, Max Kommerell und Frank Mehnert. Die meisten von ihnen tendierten, mit nur einer einzigen Ausnahme, nach rechts. George wollte diese Jungen nicht verlieren, wusste genau, ein böses Wort gegen die Nationalsozialisten und sein letzter "Liebeskreis" wäre mit einem Schlag zerstört worden. Dieses Risiko wollte er nicht eingehen. Daraus erklärt sich sein merkwürdiges Verhalten, die vielen Ambiguitäten, die schon immer seine Spezialität waren. Eigentlich ist George ein Dezisionist und so verhielt er sich den Nazis gegenüber, nämlich "eindeutig uneindeutig". Das machte es für die Zeitgenossen sehr schwer ihn einzuordnen, so schrieb Klaus Mann im Sommer 1933 "Georges Schweigen ist das lauteste was in Deutschland zu hören ist". Er legte dieses Schweigen als einen Akt des Widerstandes gegen die Nazis aus. Aber das war wahrscheinlich zu diesem Zeitpunkt eine Wunschdeutung von Klaus Mann, denn niemand wusste mit Bestimmtheit gegen wen oder was oder für wen oder was George wirklich schwieg.
Goebbels bot George die Präsidentschaft einer neuen Akademie der Künste an. Dieses Angebot lehnte George ab. In der Absage heißt es "die Ahnherrschaft der neuen nationalen Bewegung leugne ich durchaus nicht und schiebe auch meine geistige Mitwirkung nicht beiseite". Es folgt der nächste Satz "die Gesetzte des Geistigen und Politischen sind sehr verschieden. Wo Geist herabsteigt zum Allgemeingut kann ich den Herren der Regierung so nicht in den Mund legen". Ob es sich bei seiner Reise in die Schweiz um einen vorübergehenden Genesungsurlaub oder um ein Exil handelte ist nicht bekannt.
Die Figur, die fraglos auch mit der Renaissance Georges zu tun hat ist Stauffenberg. Er war sicher zeitlebens sehr eng mit George verbunden und auch über den Tod des Meisters hinaus hielt er ihm in irgendeiner Weise geistig die Treue und blieb mit vielen Freunden aus dem ehemaligen Kreis in ganz enger Verbindung. Es gibt Briefe in denen Stauffenberg die Feldzüge in einer Weise beschreibt wie es sich "georgianischer" kaum denken lässt. Das ist merkwürdig, aber dennoch lässt sich nach Meinung des Autors das Attentat vom 20. Juli eher mit charakterlichen, moralischen und historischen Dingen und dem was Stauffenberg von dem verbrecherischen Krieg wirklich weiß erklären als über seine "georgianische" Prägung. . Intrigen, Konflikte und Affären der George Jünger werden in dem spannenden Buch ebenso fokussiert wie der Einfluss den das Netzwerk der ehemaligen Mitglieder des George Kreises auf die Entstehungsgeschichte der Bundesrepublik bis in die 68 er Jahre hatte.
Geheimbundroman, kulturhistorischer Thriller oder tiefsinnige Nachläufergeschichte, ein Buch das packend und atmosphärisch dicht geschrieben ist, illusionskritisch, mit viel Intelligenz in einer sehr erfrischenden Diktion, die die unterschiedlichsten Leseinteressen bedienen kann und dabei das mögliche Nachleben Georges glaubhaft vermittelt.
Eine Rezension von Ein Kunde
vom 17. März 2010 | | |
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