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Beispiellose Pioniertat
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Alle meine Rezensionen ansehen (TOP 100 REZENSENT) (REAL NAME) Rezension bezieht sich auf: Das Gesamtwerk (Audio CD) Neben Arnold Schönberg und Alban Berg zählt Anton von Webern (1883-1945) zu den wichtigsten Vertretern der Zweiten Wiener Schule. Sein Stil ist geprägt von zarten, zerbrechlichen Melodien, die sehr schnell verrauschen. Zudem sind die meisten seiner Kompositionen sehr kurz. Webern soll einmal gesagt haben, dass er teilweise gar keine Motivation gehabt habe, weiter zu schreiben, nachdem "die zwölf Töne" erklungen seien. Außerdem ist von Webern ein Meister der leisen Töne, was seinen Stücken einen noch fragileren Charakter verleiht. Auf der vorliegenden, sechsteiligen Box ist das Gesamtwerk des Komponisten eingespielt. Das erweist sich in seiner Vielfalt als homogen. Freilich muss man als Hörer dazu in der Lage sein, sich auf diese schwierige Musik einzulassen. Ich hatte selbst lange Zeit Probleme mit den neueren Strömungen im Bereich der klassischen Musik und lehne selbst heute noch einige Stücke ab. Die Musik von Anton von Webern allerdings erweist sich bei genauerer Überlegung als äußerst passend für unserer sogenannte "moderne Welt": viele verschiedene Stimmungen, die scheinbar wirr durcheinander und ohne Zusammenhang verlaufen, um dann schließlich so schnell wieder zu vergehen, wie sie gekommen sind. Da die Aufnahmequalität sowie die Qualität der Einspielungen selbst herausragend sind und als Pioniertat gar nicht genug gewürdigt werden können, werden Liebhaber dieser Musik ihre helle Freude haben.
CD 1 - Hier befinden sich rein instrumentale Orchesterwerke: "Im Sommerwind" für großes Orchester, die Passacaglia op. 1 und die Stücke für Orchester opp. 5 und 6; außerdem zwei Arrangements: die "Fuga a sei voci" aus Johann Sebastian Bachs "Musikalischem Opfer" und die Deutschen Tänze D 820 von Franz Schubert. Die Stücke beweisen Weberns Potential, kurze Sequenzen einzufangen, mit ihnen zu spielen, sie zu verarbeiten und sie plötzlich wie aus dem Nichts versanden zu lassen. Besondere Beachtung verdienen hier die sechs Orchesterstücke op. 6, die völlig divergierende Stimmungen einfangen. Ausgelassenes Treiben reiht sich hier an eine zarte, empfindsame Idylle. Geradezu bizarr wirkt dann der Trauermarsch, der mitunter in Kreischen ausbricht, um letztlich wieder in sich zusammen zu fallen. Die Berliner Philharmoniker unter der Leitung des Experten für Neue Musik Pierre Boulez schlagen hier ungewohnte Töne an. Sie beweisen, dass sie nicht nur Beethoven und Brahms brillant spielen können, sondern auch von Webern. Boulez dirigiert gewohnt transparent und flüssig.
CD 2 - Hier gibt's einige weitere instrumentale Orchesterwerke sowie Vokalwerke mit Orchesterbegleitung: fünf Stücke für Orchester, die Sinfonie op. 21 und die Orchestervariationen op. 30 sowie drei Orchesterlieder, "Das Augenlicht" für gemischten Chor und Orchester op. 26 und die zwei Kantaten opp. 29 und 31 für Sopran beziehungsweise Sopran und Bass, gemischten Chor und Orchester. Es offenbart sich ein weiteres Markenzeichen webernscher Musik: die Variation, die auch in der Sinfonie eine entscheidende Rolle spielt. Die Werke für Gesang und Orchester sind von beinahe kammermusikalischer Schlichtheit geprägt. Vertont werden hier vor allem Texte von Hildegard Jone, einer engen Vertrauten Weberns. Den Gesang stellt der deutsche Komponist voll und ganz in den Dienst seiner Gesamtkonzeption: Auch dieser hat sich den schnell verrauschenden Bildern zu fügen. Selbst in der ersten Kantate, deren Textvorlagen durchaus als tiefsinnig bezeichnet werden können, webt er die Singstimme gekonnt und fast zurückhaltend in das große Ganze ein. Erneut bestechen die Berliner unter Boulez. Hinzu kommen noch die glasklar singenden BBC Singers, Christiane Oelze als bestechende Sopranistin und der voluminös schmetternde Bassist Gerald Finley.
CD 3 - Hier befinden sich größtenteils rein instrumentale kammermusikalische Werke beziehungsweise Kammermusiken mit Gesang: fünf Stücke für Orchester op. 10 sowie das Klavierquintett, das Quartett op. 22 und das Concerto op. 24; weiterhin "Entflieht auf leichten Kähnen" op. 2 für gemischten Chor und die Lieder aus opp. 8, 13, 14, 15, 16, 17, 18 und 19 für verschiedene Instrumente und großteils Sopran (außer op. 19 für gemischten Chor). Vertont werden Gedichte von Georg Trakl, Stefan George, Rainer Maria Rilke und anderen. Die drei Kammermusiken sind von besonders pittoreskem Charakterzug. Man höre sich nur die gebrechlichen Melodien des Quartetts für Klavier, Violine, Klarinette und Tenorsaxophon an! Bezeichnend ist bezüglich der Gesänge mit kammermusikalischer Begleitung, dass von Webern die Instrumente äußerst differenziert und sehr effektvoll einsetzt. Seine Tonsprache ist hier trotz der reduzierten Anzahl an Instrumenten äußerst markig und kernig. Das geübte Ensemble InterContemporain unter Pierre Boulez erscheint weiß Gott als die beste Wahl für die Interpretation dieser vielfältigen Kompositionen. Die Transparenz ist beispiellos. An die Seite des Ensembles tritt der Pianist Pierre Laurent Aimard. Die BBC Singers, Christiane Oelze und Françoise Pollet (beide Sopran) runden das mehr als gelungene Programm ab.
CD 4 - Auf dieser CD sind sämtliche Klavierlieder des Tonsetzers versammelt. Die Zusammenstellung reicht von den frühen Liederzyklen aus den Jahren 1899 bis 1909 bis hin zu allen veröffentlichten Zyklen opp. 3, 4, 12, 23 und 25. Die Textvorlagen stammen aus verschiedenen Federn, vor allem aber von Richard Dehmel, Stefan George und Hildegard Jone. Wie man nun dazu stehen mag, dass ein Goethe Gedicht atonal vertont wird, sei einem jeden selbst überlassen. Konzentriert man sich aber ausschließlich auf die außermusikalische Intention, so kann man durchaus Gefallen finden an Weberns Deutung. Dessen Tonfall schwankt beständig von ruhig nach aufgebracht. Klavierstimme und Singstimme laufen nicht immer parallel. Das wirre Chaos, das der Komponist in den Jone Vertonungen op. 25 schafft, um es zu ordnen, ist in jedem Falle bemerkenswert. Christiane Oelzes Stimme erscheint wie gemacht für diese fein ziselierten Werke. Sie singt klar und hell. Begleitet wird sie meisterlich von Eric Schneider.
CD 5 - Webern schrieb verhältnismäßig viele Stücke für Streichquartett: einen langsamen Satz für Streichquartett, ein Rondo, fünf Sätze für Streichquartett, drei Stücke mit Mezzosopran (Mary Ann McCormick) sowie ein frühes Quartett aus dem Jahr 1905; weiters sechs Bagatellen op. 6, ein Quartett op. 28 und zudem das Streichtrio op. 20. Naturgemäß versieht der Komponist diese Werke mit besonders viel Gefühl und Grandezza. Besonders fein ist das Quartett op. 28, das in seiner strengen, straffen Linienführung überrascht. Webern erzeugt ein kreatives Chaos, aus dem sich etliche Themenkerne herausschälen, die zusätzlich noch variiert werden. Das Emerson String Quartet hat sich schon lange verdient gemacht um die Pflege zeitgenössischer Musik. Hier stellen sie ihre Fähigkeit unter Beweis, sich auch in weniger häufig aufgeführte Stücke einzufühlen und diese brillant darzubieten.
CD 6 - Hier befinden sich schließlich alle Stücke für Klavier, Violine und/ oder Violoncello: ein Klaviersatz, ein Rondo für Klavier, ein Kinderstück für Klavier, ein weiteres Klavierstück und die Variationen für Klavier op. 27; vier Stücke für Klavier und Violine op. 7; zwei kleine Stücke für Klavier und Cello, die Cellosonate und weitere drei Stücke op. 11. Auch diese Kompositionen zeichnen sich durch die typisch webernsche Gebrechlichkeit aus. Allerdings sind die einzelnen Stücke zu verschieden, um sie hier ausführlich zu beschreiben. Von besonderer Qualität sind die drei Stücke für Klavier und Violoncello op. 11, deren extreme Verknappung packt und mitreißt. Die Einspielung dieser Stücke nehmen Gianluca Cascioli, Krystian Zimerman, Oleg Maisenberg (alle Klavier), Gidon Kremer (Violine) und Clemens Hagen (Violoncello) vor. Das Zusammenspiel ist perfekt, die Akzentuierung scharf, die Nuancierung farbenreich und der Gesamteindruck einheitlich.
Fazit: Die Vielfalt der Musik Anton von Weberns ist einmalig. Die Anschaffung dieser herausragenden Box - mit fantastischem Booklet - lohnt sich auf jeden Fall für Liebhaber Neuer Musik und für alle die, die neugierig sind auf Musikstücke von größtem künstlerischem Anspruch.
Eine Rezension von Ein Kunde
vom 5. September 2010 |