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| Kreis ohne Meister: Stefan Georges Nachleben. Eine abgründige Geschichte
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"Auch Totsein ist eine Kunst" - (Max Kommerell)
• • • • • (bewertet mit 5 von 5 Punkten)
...die Stefan George ziemlich gut beherrscht haben muss, denn immerhin wurde er ohne zu murren insgesamt drei Mal umgebettet...
Den Preis der Leipziger Buchmesse 2010 in der Kategorie Sachbuch hat Ulrich Raulff zu Recht erhalten, denn "Kreis ohne Meister" ist ein Buch, das sowohl den akademischen Diskurs bereichert, als auch interessierte Nicht-Wissenschaftler unterhalten kann.
Stefan George, gemeinsam mit Rilke und Hofmannsthal der bekannteste deutschsprachige Lyriker des 20. Jahrhunderts, war nicht nur zu Lebzeiten eine gefeierte Persönlichkeit. Sein Nachleben ist vor allem im Zusammenhang mit dem Kreis von Intellektuellen und Künstlern, die er um sich geschart hatte von Interesse. Dieser Geschichte des Nachlebens, einer "Gespenstergeschichte für Erwachsene" (Aby Warburg) widmet sich Ulrich Raulff, Direktor des Deutschen Literaturarchivs Marbach/Neckar und ehemaliger Feuilletonchef der FAZ.
Alles fängt mit einem Ehrensäbel an, der einem rheinischen Museum übergeben worden ist. Raulff, damals noch Feuilletonchef, sollte exklusiv darüber berichten, denn der Säbel hatte keinem Geringeren als Oberfähnrich Schenk Graf von Stauffenberg gehört. Und der Hitlerattentäter gehörte ebenso wie Ernst Kantorowicz, Ernst Gundolf, Ludwig Klages und einige mehr, dem "geheimen Deutschland" an, jenem exklusiven Kreis um den Dichter Stefan George. Raulff erzählt nun vom Fortleben des Meisters George nach seinem Tod. Und damit beginnt die Geschichte am 4.Dezember 1933 (das wäre übrigens Rilkes 58. Geburtstag gewesen). An diesem Tag verstarb George in Anwesenheit einiger seiner Jünger. Und bereits der Anfang ist spukhaft und voller Geheimisse. Fortan treten die Mitglieder des Kreises ein schweres Erbe an, denn die Botschaft des charismatischen Meisters will tradiert und ausgelegt sein. Hier geht es also um einen versprengten Haufen von Künstlern und Intellektuellen, die ganz nach Maßgaben des Meisters (an welche er sich selbst allerdings nicht immer hielt) leben wollen. Sie frönen dem Gedächtniskult um ihren verstorbenen Messias und kriegen sich dabei gegenseitig oft ganz schön in die Wolle. Besonders interessant ist, dass Raulff in seinem Buch auch auf "Abtrünnige", wie z.B. Rudolf Borchardt eingeht. Es ist faszinierend, den Ausführungen des Autors zu folgen, denn vor unseren Augen entfaltet er ein schillerndes Panorama deutscher Geschichte - und zugleich wird der Leser hervorragend unterhalten. Raulff räumt auf mit der Verklärung Georges. Wer hätte zum Beispiel gedacht, dass der Lyriker zu Lebzeiten ein arger Wüterich sein konnte und bisweilen geschimpft hat "wie ein Rohrspatz"? "Kreis ohne Meister" ist vor allem aber auch die Geschichte eines Zerfalls, denn in den sechziger Jahren löste sich der Kreis schließlich auf. Der Tod von Ernst Kantorowicz 1963 markierte dabei einen wichtigen Punkt, der 100. Geburtstag Georges 1968 ist schließlich das Ende - "George ist tot". Und hundert Jahre nach seiner Geburt, wird schließlich auch Kritik am Meister laut. Dreißig Jahre nach ihrer Entstehung werden Rudolf Borchardts Jamben veröffentlicht und schnell wird klar, was diese Gedichte haben - und George stets gefehlt hat, "eine klare, unmissverständliche Absage an den Nationalsozialismus".
Raulff schreibt lebendig und äußerst charmant. Es ist eine große Freude, sich intensiv in das Thema einzulesen. Besonders hervorzuheben sind übrigens auch die über 80 Fotos, die vom Treiben des "geheimen Deutschland" zeugen.
Eine Rezension von Erzbergwerkszwerg >
vom 17. April 2010 | | |
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