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Wir kennen keine Zeit, da wir nicht waren.
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"Jeden wahren Künstler hat einmal die Sehnsucht befallen, in einer Sprache sich auszudrücken, deren die unheilige Menge sich nie bedienen würde, oder die Worte so zu stellen, dass nur der Eingeweihte ihre hehre Bestimmung erkenne." (Stefan George)
Wir kennen keine Zeit, da wir nicht waren, schrieb Milton in Paradise Lost. Aus diesem Selbst-Wissen auf der Grundlage der Selbst-Erschaffung gewinnen Dichter eine Wahl-Liebe. Diese kommt aus der gefühlten Erhabenheit, die das Erhabene anderer Dichter spürt und von dem der Dichter sich erwählen lässt. Damit ist er niemals allein.
So geht es auch Stefan George (1868-1933). Er ist Weggefährte von Hofmannsthal, Zweig, Freud, Rilke und in Frankreich von Verlaine, Rimbaud und dem Symbolisten Mallarme, um einige zu nennen. Erhaben im Sinne der Wahl-Liebe sind vor allem Baudelaire (posthum) und Mallarme, die als Begründer des Symbolismus gelten. Deren Einfluss wirkte auch auf Stefan George. Er hat sich erwählen lassen von dem erkannten Erhabenen des anderen in sich.
Seine Gedichte sind geprägt und doch mit dem Willen der Überschreitung der anerkannten Grenzen. Sie werden zum erlesenen Vergnügen im wahren Sinne, sie kombinieren persönliches Gefühl mit einer Folge des Vergangenen, der Vergänglichkeit und entwickeln auch den Leser, in dem sie die Herrschaft über die natürliche Angst und Entfremdung erlangen und diese Attribute verwandeln in das Wissen der Andersheit. In der Anlehnung seiner Mitstreiter erkämpft George einen Geist des Neuanfangs auf höherer Stufe. Die Gedanken sind beeinflusst aus der Philosophie eines Kierkegaards (Der Begriff Angst) und eines Hegels (Phänomenologie; der absolute Geist).
Man könnte meinen, George bekennt sich im Seelenjahr zu den vier Jahreszeiten. Doch es sind nur drei, die verwendet werden: Herbst, Winter und Sommer. Das Wachsen des Frühlings, der Neubeginn obliegt scheinbar den dreien jeweils selbst, damit ihm, der diese Zeilen gebiert als eine Widmung an das Leben, der Liebe und den Tod. Denn ein Anfang: "Komm in den totgesagten Park und schau:" heißt nicht mehr, als das Gerede nichts Endgültiges vermag und das richtiges Sehen Leben erkennt.
Und so verfährt er in seinen Gedichten, wo "Liebe als Geleit ihm schüchtern dargeboten", (vgl: Rimbaud, Sämtliche Dichtungen: Unendliche Liebe gibt mir das Geleit.), wo er in den Hymnen an seine Freunde bedauert, "dass du mich fliehst wie sehr ich in dir bin."
George selbst gab Zeugnis seines Wendepunktes in einem Brief, in dem er beschrieb, dass sein bisheriges Leben von einem anderen abgelöst wird. Sicher sind Gedichte ein Schmerz des Abschieds, doch es sind die wunderbaren Gedichte, die einen Neuanfang gebären.
Zeitlebens hing er an jungen Männern. Hugo von Hofmannsthal war sein Schwarm, aber es war wohl einseitig. "Und er kann tödten, ohne zu berühren", so ist Georges Botschaft in einem Gedicht. Angst und Abwehr paarten sich in deren Verhältnis, das letztendlich dauerhaft zerbrach. "Nie wieder dein Aug in meinem, deine Antwort auf meine Frage. Nie wieder!" schreibt Hofmannsthal im "Jedermann". Ein deutliche Botschaft.
Sehr zu empfehlen. --
Eine Rezension von kpoac >
vom 4. Oktober 2007 |