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Abgeklärt und altersweise
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Alle meine Rezensionen ansehen (TOP 100 REZENSENT) Rezension bezieht sich auf: Wagner - Tristan und Isolde (GA) (Audio CD) Vorweg: Der perfekte Tristan ist auch dies nicht, den gibt es leider immer noch nicht, aber es ist eine sehr überzeugende Annäherung:
Natürlich konnte Furtwängler 1952 in mono (und mit einem nicht immer ganz sauber spielenden Orchester) noch nicht den Klangzauber auf Platte bannen, den man aus Aufnahmen aus den 60er (Böhm), 70er (Karajan) oder 80er Jahren (Kleiber) kennt. Dafür lässt er die Musik (und die Sänger) so natürlich atmen wie in keiner anderen Aufnahme. Der erste Ausdruck, der mir einfiel, war "entspannt" - wohlgemerkt nicht spannungslos, im Gegenteil, sondern natürlich und weder süßlich noch hektisch.
Die beiden Hauptdarsteller tragen dieses Konzept voll mit:
Kirsten Flagstad war zum Zeitpunkt der Aufnahme schon 57 Jahre alt, ist deshalb natürlich weder eine jugendliche (Leider, Price) noch eine energisch-dramatische (Nilsson, Mödl) Isolde, verfügt auch nicht mehr über die stimmliche Kraft ihrer Live-Mitschnitte von 1936 und 1937, mit dem sie selbst den Maßstab für alle späteren Isolden gesetzt hatte. Was sie aber auch 1952 noch auszeichnete, war eine große Wärme und Zartheit in den lyrischen Passagen, eine gewisse Gelassenheit auch im ersten Akt (was das Verhalten der Isolde m. E. glaubwürdiger macht), eine fast weise Grundmelancholie. Einige Schärfen in der Höhe (und die von Elisabeth Schwarzkopf übrigens sehr schön gesungenen Spitzentöne, z. B. im 2. Akt, 2. Szene) stören mich da weniger.
Auch Ludwig Suthaus hatte nicht die Urgewalt eines Lauritz Melchior in der Stimme (wer außer vielleicht noch Jon Vickers hat die schon?), versuchte das aber glücklicherweise weder durch Gebrüll (Treptow, Vinay) noch durch Sprechgesang oder gepresste Töne (Lorenz, Windgassen, Kollo) auszugleichen. Statt dessen hält er immer vorbildlich die Gesangslinie, singt gerade die lyrischen Passagen mit einer wunderbaren Zartheit, mit der er sogar Melchior und Vickers überlegen ist. Seine Stimme ist eher herb als klassisch schön, dadurch passt er aber um so besser zu Flagstads Stimme und Furtwänglers Konzept vom "zweiten Frühling" der beiden Liebenden.
Dietrich Fischer-Dieskaus Kurwenal klingt ungewohnt jugendlich und energisch, mehr ein jugendlicher Freund als Ersatzvater von Tristan - also vielleicht nicht das, was Wagner im Sinn hatte, aber absolut mitreißend. Eine seiner besten Wagner-Aufnahmen.
Nicht ganz ideal finde ich Blanche Theboms Brangäne und Josef Greindls Marke: Thebom, eigentlich ein lyrischer Mezzo, gerät im ersten Akt stimmlich an ihre Grenzen und klingt deshalb zeitweise nicht wie eine jugendliche Freundin der Isolde, sondern wie deren Gouvernante. Im zweiten und dritten Akt braucht sie nicht zu forcieren, lässt die Stimme schön leuchten, klingt dafür dann aber etwas neutral im Ausdruck.
Greindl singt ausdrucksvoll und auch variabel, seiner etwas rauhen Stimme fehlt allerdings die Kraft für den letzten Ausbruch, auch die elegante Resignation. Das macht verständlich, warum beide eigentlich dritte Wahl waren: Als Brangäne war Martha Mödl vorgesehen (die aber lieber unter Karajan die Isolde sang) oder Margarethe Klose, als Marke der wunderbare Ludwig Weber, angeblich auch Boris Christoff.
Rudolf Schock singt Steuermann und jungen Hirt elegant und lyrisch, wie es sich gehört, die übrigen Nebenrollen sind ebenfalls ausgezeichnet besetzt.
Insgesamt also ist dies nicht der dramatischste Tristan auf Platte, auch nicht der mit dem größten Klangzauber oder den schönsten Stimmen, aber mit Sicherheit der menschlichste. Und wenn ich nur eine Aufnahme für die einsame Insel aussuchen dürfte, es wäre diese!
Eine Rezension von Ein Kunde
vom 21. August 2004 |